16.01.2011, 20:12 Uhr | DAPD
Frankfurt/Main (dapd). Bis spät in die Nacht treffen am Samstag auf dem Frankfurter Rhein-Main-Airport deutsche Urlauber mit Sonderflügen aus Tunesien ein. Pünktlich ist keine Maschine, gegen 20.00 Uhr landet ein am Vormittag erwarteter Flieger der Tunis Air mit zehn Stunden Verspätung. Auch die von den Reiseunternehmen gecharterten, vollbesetzten Rückhol-Jets rollen mit erheblichen Verspätungen erst am Abend oder in der Nacht an die Gates der Terminals. "Meine Tochter zu Hause hatte mehr Angst als ich", berichtet die 63-jährige Brigitte Wagner aus dem badischen Sinsheim, eingetroffen aus Djerba. "Ich bin wegen ihr zurückgeflogen."
Stundenlang hatte Roland Wagner in Frankfurt auf seine Frau gewartet. Das Ehepaar bereist Tunesien seit fast 40 Jahren, alle paar Monate fliegen sie in das nordafrikanische Land. "Besorgt war ich selbst nicht", sagt Wagner. Am Telefon hatte ihm seine Frau berichtet, dass in ihrem Ferienort Zarzis, auf dem Festland, zwar ein Kaufhaus angezündet und geplündert wurde, Touristen sich aber sicher fühlen dürften. "Auch die meisten Tunesier sind ruhig geblieben", schildert die 63-Jährige ihre Eindrücke. "Ladenbesitzer haben allerdings oft ihre Geschäfte zugemauert."
Andere Passagiere, die aus dem Djerba-Jet steigen, beurteilen die Situation an ihren Ferienorten weniger abgeklärt. "Wir haben auf Djerba in der Nacht zum Samstag nach Mitternacht zwei Stunden lang Schüsse gehört", erzählt ein junges Münchner Ehepaar. Beide sind froh, mit ihrem Kleinkind wieder heil zu Hause zu sein, auch wenn sie beim Einchecken nicht auf den Flieger nach München kamen. "Alle Maschinen sind voll ausgelastet geflogen, konnten aber nur mit Verspätung in Tunesien starten", sagte einer Sprecherin des Reiseveranstalters Thomas Cook.
Fast alle Urlauber mussten früher als geplant zurückkehren. "Ob es eine Rückerstattung geben wird, wissen wir nicht", bekennt ein auf dem Frankfurter Flughafen wartendes Geschwisterpaar aus Cochem an der Mosel. "Hauptsache ist im Moment, dass unsere Eltern gesund wieder da sind." Das elterliche Auto steht noch am deutschen Abflughafen Düsseldorf. "Die Tunesienreise war unser Weihnachtsgeschenk an die beiden", sagt die junge Cochemerin. Aus Sorge hatte sie mit ihren Eltern feste Telefonzeiten vereinbart. "Die pünktlichen Anrufe gaben uns Sicherheit."
Die Urlauber berichten übereinstimmend, im Internet mit deutschen Nachrichten ein gutes Bild über die Geschehnisse in ihrem Ferienland gewonnen zu haben. Brigitte Wagner spricht sogar Arabisch. "So habe ich fast keine Infos verpasst", sagt die Sinsheimerin. Im Flieger hörte Wagner die Erzählungen der Passagiere mit an. "Ich glaube, in den Hotels haben sich die Urlauber auch ein Stück weit gegenseitig verrückt gemacht", sagt die 63-Jährige. Obwohl viele andere Heimkehrer ihre Ansicht nicht teilen.
Ein älteres Ehepaar aus dem pfälzischen Neustadt, das mit einem der letzten Flieger aus Enfidha spät in Frankfurt eintrifft, dürfte sich in der Tat zu Recht Sorgen ums eigene Wohlergehen gemacht haben. "Bei uns in Hammamet haben sie die Bankautomaten geplündert, und gleich bei unserem Hotel starb ein Tunesier durch Kugeln." Trotzdem, erzählt das Ehepaar, wollten sich viele deutsche Urlauber bis zum Schluss der frühen Rückreise verweigern, weil der Urlaub schließlich bezahlt war. "Am Ende mussten sie aber mit", erzählt das Paar.
"Ja, Tunesien ist immer ein Polizeistaat gewesen", urteilt Roland Wagner. "Nur weiß halt niemand, was jetzt nachkommt." Der 72-Jährige hofft nun, dass sich die Menschen in seinem bevorzugten Urlaubsland "schnell und friedlich" auf eine neue Regierung einigen.
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