16.06.2011, 16:40 Uhr | dapd
Frankfurt/Main (dapd-hes). Wie es zur Gründung des Frankfurter Volkstheaters vor 40 Jahren kam, weiß Intendantin Gisela Dahlem-Christ noch ganz genau: Ihre Mutter Liesel Christ war als "Mama Hesselbach" in der Fernsehserie des Hessischen Rundfunks so populär geworden, dass sie kaum noch Bühnenrollen bekam. "Wir würden Sie ja gerne beschäftigen, aber dann sagen ja die Zuschauer: Da ist doch die Mama Hesselbach", hätten die Intendanten gesagt. Also fasste Liesel Christ den Entschluss, ein eigenes Theater mit Aufführungen in Frankfurter Mundart zu gründen.
Liesel Christ ist längst tot, doch das Volkstheater lebt und geht heute mit einer höchst erfolgreichen "Tatort"-Regisseurin als künstlerischer Leiterin neue Wege. Sylvia Hoffman, die viele Filme und allein 17-mal im Fernsehen den "Tatort" inszenierte, hat die Funktion im Frankfurter Volkstheater im vergangenen Jahr übernommen. Nach eigenen Angaben hat sie keineswegs die Absicht, jetzt vor allem Kriminalstücke auf die Bühne des Mundarttheaters im Frankfurter Großen Hirschgraben zu bringen. Wohl aber hat sie den Ehrgeiz, "mit einem abwechslungsreichen Spielplan auch neue und junge Leute als Zuschauer zu gewinnen, ohne die alten zu verlieren".
"Als gebürtige Berlinerin ist mein Frankfurterisch eher schwach", räumt Hoffman ein. Aber schon die Regieassistentin beherrsche es perfekt und passe auf, dass alles stimmt. Das Volkstheater im Cantate-Saal direkt neben dem Frankfurter Goethe-Haus bleibt seiner Mundart-Tradition treu, auch wenn bei der Auswahl der Stücke neue Wege gegangen werden. So steht seit Anfang eine auf dem Roman von Hans Fallada basierende Revue von "Kleiner Mann, was nun" auf dem Spielplan, die auf Tankred Dorst und Peter Zadek zurückgeht.
Intendantin Dahlem-Christ jedenfalls lobt die Zusammenarbeit mit der neuen künstlerischen Leiterin in den höchsten Tönen. Die Tochter der 1996 verstorbenen Theaterprinzipalin hat schließlich schon einige Höhen und Tiefen miterlebt. Schon der Anfang war alles andere als leicht. Nicht nur, weil Liesel Christs Wunsch, wie bei den "Hesselbachs" in Mundart zu spielen, umstritten war. "Mundart war ja damals beim hessischen Kultusministerium verpönt", erinnert sie sich. Eine wesentlich höhere Hürde war indes das Geld. Erst einmal wurde ein Verein gegründet, der 40.000 Mark an Spenden sammelte. Der damalige Frankfurter Stadtkämmerer legte noch einmal 20.000 Mark drauf. An ein eigenes Haus war auch damit nicht zu denken.
Gleichwohl ging der Spielbetrieb im Juni 1971 los, und zwar im großen Saal des Volksbildungsheims, direkt neben dem stark auf moderne Inszenierungen ausgerichteten Theater am Turm. "Der alte Bürgerkapitän" von Carl Malß hieß das Eröffnungsstück - natürlich mit Liesel Christ in der Hauptrolle. Das Volkstheater zog mit seinen Aufführungen in der Folgezeit quer durch die Frankfurter Bürgerhäuser. "So habe ich Frankfurt kennengelernt", erzählt Dahlem-Christ, die zuvor einige Jahre in der Schweiz und den USA verbracht hatte. Bei der Theatergründung war sie 29 Jahre alt und übernahm auch gleich das Heft des Handelns: "Komm, ich helf dir ein bisschen", sagte sie damals zur Frau Mama und übernahm die Verwaltungsangelegenheiten des Theaters, die sie bis heute betreut.
Fünf Jahre müsse das Theater laufen, um Bestand zu haben, sagte Liesel Christ damals. Jetzt sind es schon 40 Jahre. Und das nach mehreren Zwischenstationen mit wechselnden Spielorten wie unter freiem Himmel im Dominikanerkloster und dem Archäologischen Garten am Dom oder im Haus der Jugend in Sachsenhausen. Im Sommer 1975 zog das Volkstheater schließlich an seinen jetzigen Standort im Cantate-Saal. "Da haben wir sogar mal den Urfaust aufgeführt, wie ihn Goethe direkt nebenan geschrieben hat", berichtet Dahlem-Christ. Und unter den Schauspielern auf der Bühne waren viele Prominente wie etwa Günter Strack, Heinz Schenk und Heinz-Werner Kraehkamp. 3,5 Millionen Zuschauer kamen bislang in etwa 10.000 Vorstellungen, wie die Intendantin bilanziert.
Und die künstlerische Leiterin Hoffman freut sich über "die neue Phase in meinem Leben". Mundart habe ihr schon gefallen, als sie im Frankfurter "Tatort" mit Hessen wie Lia Wöhr und Georg Lehn zusammenarbeitete, sagt sie. Aber Frankfurt ist ja eine internationale Stadt, wie sie weiß. Deshalb musste sie die in der Nähe von Wiesbaden geborene Erika Skrotzki schon einmal bremsen, wenn sie in dem Ein-Personen-Stück "Die heilige Johanna der Einbauküchen" allzu starken Dialekt sprach. Dass sie diesen selbst nicht beherrscht, stört Hoffman nicht: "Ich habe auch schon in Portugal Filme gedreht, ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen."
dapd
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