27.09.2010, 13:03 Uhr | DDP
Lingen/Wietze (dapd-nrd). Vor 100 Jahren sah es am Südrand der Lüneburger Heide aus wie im Erdöl-Eldorado Texas. Dicht an dicht drängten sich damals hölzerne Bohrtürme in der Region. Die heutige Gemeinde Wietze bei Celle erlebte im frühen 20. Jahrhundert einen wahren Ölrausch, nachdem der Geologe Konrad Hunäus dort bereits 1859 die weltweit erste fündige Ölbohrung niedergebracht hatte. Seit vierzig Jahren erinnert im Ort das Deutsche Erdölmuseum an die mitunter rücksichtslose Jagd nach dem braunen Gold. Die Ölfirmen sind mittlerweile weitergezogen. Gefördert wird heute vor allem im Emsland und im Wattenmeer.
Unweit der Stelle, an der Hunäus - eigentlich auf der Suche nach Kohle - zwei Jahren lang daran arbeitete, den stählernen Schlagbohrmeißel 36 Meter in die Erde zu treiben, erzählt heute Museumsleiter Martin Salesch, wie das einst als Wagenschmiere und Heilmittel genutzte Öl zwischen 1900 und 1920 bis zu 32 internationale Förder-Gesellschaften und zeitweise rund 2000 Arbeiter in den ursprünglich aus vier Höfen bestehenden Ort gelockt hatte. "Damals war Wietze das produktivste Erdölfeld in Deutschland", erklärt der studierte Archäologe. Bis zum Ende der Förderung 1963 wurden dort mehr als 2000 Bohrungen niedergebracht und zwei Millionen Tonnen der klebrigen Masse aus dem Boden geholt. Sogar ein Erdölbergwerk wurde angelegt. "Aber die Produktion und Förderung hat sich verlagert", sagt Salesch, etwa ins Emsland.
Dort steht Herbert Sander auf dem Gelände der Aufbereitungsanlage Bramberge. Sander ist ein Veteran im Ölgeschäft. Seine breite Gürtelschnalle ziert ein Motiv der amerikanischen Öl-Industrie-Romantik und beim Schnuppern an einer frischen Ölprobe scherzt er, das sei der ideale Duft für ein Deodorant. Der 61-Jährige ist Betriebsleiter beim Energiekonzern GDF Suez und für die Förderanlagen im Emsland verantwortlich. Neben einem großen Erdölfeld im Wattenmeer ist das Umland von Lingen die letzte große deutsche Erdöl-Region. Seit 1978 ist Sander in der Branche tätig, aber ein Öl-Romantiker ist er nicht.
"Wir können hier nur solange fördern, wie es wirtschaftlich ist", sagt Sander. Das ist derzeit noch der Fall. Die jüngsten Pumpen im nahe gelegenen Rühlermoor wurden erst im vergangenen Jahr installiert. Im dortigen Ölfeld heben und senken sich die Nicker oder Pferdekopfpumpen genannten Antriebe für die in der Erde lagernden Tiefpumpen und bringen so ein wenig texanisches Flair in die norddeutsche Flachebene. Mit "400 plus" gibt Sander die Zahl der Bohrungen an, die allein im Rühlermoor von 1949 bis heute "abgeteuft" wurden. Die hohe Dichte an Bohrungen sei nötig, weil wegen der schlechten Fließeigenschaften des Öls in dieser Region sonst schon hundert Meter weiter keine Förderung mehr möglich wäre. Auch deshalb konnten erst rund 30 Prozent der geschätzt 100 Millionen Tonnen Öl im Boden abgebaut werden.
Ein Ende der Förderung ist nicht Sicht, wenngleich sich die Förderraten deutlich verringert haben. Wurden in den 60er Jahren allein in Bramberge etwa 800.000 Tonnen pro Jahr gefördert, liegt die Gesamtfördermenge von GDF Suez in Deutschland heute bei rund 462.000 Tonnen. Es bleibt dennoch ein gutes Geschäft. Der Umsatz aus den Ölverkäufen lag 2009 bei fast 140 Millionen Euro. "Klar, Gewinne werden gemacht, das darf man nicht verschweigen. Aber sie sind auch mit hohem Risiko verbunden", sagt Konzernsprecher Stefan Brieske. Zum einen sei die Suche nach neuen Ölfeldern extrem teuer, zum anderen rechne sich die aufwendige Förderung im Emsland nur bei einem hohen Ölpreis.
Angesprochen auf mögliche Gefahren bei der Erdölförderung, winkt Betriebsleiter Sander ab. Die Bohrungen im Emsland seien nicht zu vergleichen mit Offshore-Bohrungen wie im Golf von Mexiko. Das letzte Leck in einer Pipeline sei 1994 aufgetreten. Auch Umweltverbände in der Region haben keine Probleme mit der Arbeit der Ölbohrer.
Auf dem Gelände des Museums in Wietze, das in diesen Tagen sein vierzigstes Jubiläum feiert, sind die Spuren eines rücksichtlosen Rohstoffabbaus vergangener Tage deutlich zu sehen. "Damals sind große Umweltschäden in Kauf genommen wurden", sagt Museumsleiter Salesch. Rund um die alten Förderanlagen auf dem Museumsgelände sind bis heute weite Flächen mit Teer bedeckt, die sich die Natur nur langsam zurückerobert. Betriebsleiter Sander führt im Emsland hingegen über eine fast steril wirkende Aufbereitungslage. Das einzige sichtbare Öl wabert dort in einem Glas auf einem Tisch im Konferenzraum.
dapd
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