18.09.2011, 20:32 Uhr | dapd
Renate Künast ist keine gute Schauspielerin. Sie kann ihre Enttäuschung nicht ganz so dezent verbergen wie die anderen Menschen im Raum. Der Festsaal Kreuzberg tobt am Wahlabend. Hunderte Anhänger feiern ausgelassen den Stimmenzuwachs der Berliner Grünen. Nur Künast wirkt bemüht, bei dem Jubel mitzuhalten. Sie hatte sich mehr versprochen, wollte Nummer Eins werden und ins Rote Rathaus einziehen. Stattdessen haben die Grünen Platz Drei eingefahren. Eigentlich ein gutes Ergebnis - wären nur die Ziele nicht so viel höher gesteckt gewesen.
Der Festsaal Kreuzberg ist schon um halb sechs hoffnungslos überfüllt. Vor den Eingangstüren stehen lange Schlangen. "Wir hätten doch zu den Piraten gehen sollen", stöhnt eine Frau, die nur millimeterweise vorankommt. Um Viertel vor sechs geht drinnen gar nichts mehr: Die Menschen drängen sich dicht an dicht. Einige schaffen es gar nicht erst rein und müssen im Innenhof feiern.
Basisdemokratisch wird abgestimmt, welche Hochrechnungen über die Leinwand flimmern sollen. Die ARD gewinnt. Als um sechs Uhr dann die erste Prognose kommt, bricht lautstarker Jubel aus. 18 Prozent verspricht der Balken für die Grünen. Bei der jüngsten Abgeordnetenhauswahl 2006 hatte die Partei noch bei 13,1 gelegen. Und vor allem: Die Grünen haben nun die Chance auf eine Regierungsbeteiligung, als Juniorpartner der SPD. Ein achtbares Resultat. Doch in Spitzenzeiten vor ein paar Monaten hatten Demoskopen die Grünen in Berlin bei 30 Prozent taxiert und Hoffnung auf mehr gemacht.
In den vergangenen Wochen waren die Umfragewerte dahingebröckelt. Zuletzt nahm sich Künast ein Stück weit aus dem Rennen, als sie eine Koalition mit der CDU ausschloss. Ihre Machtoptionen waren dahin.
Um kurz vor halb sieben steigt Künast im Festsaal Kreuzberg auf die Bühne. Wieder lautstarker Applaus, minutenlang. Künast lächelt nach Kräften, reckt die Arme nach oben. Doch für ein Jubelschauspiel ist sie zu sehr Renate Künast - nüchtern, pragmatisch und realistisch. "Wir haben noch mehr gewollt und nicht alle Ziele erreicht", sagt sie ins Mikro, "aber wir bleiben dran." Es habe Höhen und Tiefen gegeben im Wahlkampf, räumt Künast ein. "Der Wind blies uns manchmal frontal so richtig ins Gesicht."
Höhen gab es tatsächlich ein paar, Tiefen so einige: Künast agierte mitunter glücklos, machte inhaltliche Fehler und wurde im Wahlkampf nicht recht warm mit der Stadt, obwohl sie dort seit 35 Jahren zu Hause ist. Noch dazu kam ihr auf halber Strecke der Wahlkampfmanager abhanden. Künast kämpfte unbeirrt weiter. Doch gereicht hat es nicht.
Kämpferisch gibt sich die Grünen-Frontfrau auch an diesem Abend - trotz der persönlichen Schlappe. Die Grünen seien bereit, in der nächsten Woche in Sondierungsgespräche einzusteigen, kündigt sie an. Nur müsse sich die "befreundete Konkurrenz von der SPD" überlegen, "mit wem sie es denn gerne möchte". Der SPD-Spitzenmann Klaus Wowereit kann es sich aussuchen: Auch eine Koalition mit der CDU ist für ihn möglich.
Ganz so leicht will Künast es Wowereit aber nicht machen. "Wir sind nicht der billige Ersatz der Linken", sagt sie. Ein mögliches Bündnis dürfe nicht nur Rot-Grün heißen, sondern müsse auch grüne Inhalte haben. Beim Sondieren will Künast dabei sein. Auf die Landesebene wechselt sie aber nicht. Künast wird Bundestagsfraktionschefin bleiben.
Für die Grünen geht mit Berlin ein beispiellos erfolgreiches Wahljahr zu Ende. Inzwischen sitzen sie in allen 16 Landesparlamenten, sind neu in Regierungen eingezogen. Und in Baden-Württemberg glückte der ganz große Wurf: Dort leiteten die Grünen einen historischen Machtwechsel ein und stellen seit dem Frühjahr mit Winfried Kretschmann den ersten Ministerpräsidenten in der Geschichte der Partei.
Warum also hat es in Berlin nicht geklappt mit den großen Plänen? "Berlin ist nicht Baden-Württemberg", sagt Künast, "und Baden-Württemberg ist nicht Berlin." Ein bisschen mehr hätte die Partei in der Hauptstadt wohl rausholen können, meint sie, aber ein "Stuttgart 21" habe man eben nicht gehabt. Und schließlich habe es für ein Rekordergebnis bei einer Abgeordnetenhauswahl ja doch gereicht.
Durchaus: Für die Grünen ist 2011 ein Erfolgsjahr, nur für Künast ist es das nicht.
dapd
K.Denzel schrieb:
am 18. September 2011 um 21:14:25
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Berlin gewinnt
Gratulation nach Berlin: die SPD hat mit Klaus Wowereit einen zu Integration fähigen Kanzlerkandidaten. Der CDU sind dringend
neue Freunde zu empfehlen und die FDP hat gehalten was versprochen: Plapperphilipp hat 2% geliefert. Meine Koalitionsempfehlung: SPD+Grüne+Piraten.
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