14.02.2012, 13:30 Uhr | dapd
Der Schriftzug "Thomas-Münzer-Schule" ist noch deutlich zu erkennen. Doch eine Schule ist der zweistöckige graue Kasten am Ortsrand des Oderbruch-Dorfes Ortwig bei Letschin schon lange nicht mehr. Seit der Jahrtausendwende stand das Mitte der 1980er Jahre erbaute Haus leer. Inzwischen ist es zum 750 Quadratmeter großen Wohn- und Arbeitsort von Alexandra Karrasch und Detlef Mallwitz geworden.
Bevor das Berliner Künstlerpaar das Haus entdeckte, hatte es sich auf der Suche nach größeren Räumlichkeiten schon etliche Gebäude angeschaut, in der Uckermark und im Havelland, in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Die Wohnung in Berlin war zu klein. Für Materialien und das Aufbewahren der Kunstwerke hätten sie schon vier Keller gemietet, erzählt Mallwitz. Er hatte es satt, ständig treppab und treppauf zu laufen.
Etwas Größeres musste her, bei der Wahl des neuen Domizils ging es wohl weniger um Schönheit als um Zweckmäßigkeit. "Wir wollten kein altes Bauernhaus, an dem wir ein Leben lang renovieren. Unsere Leidenschaft sollte bei der Arbeit bleiben und nicht in das Haus wandern", sagt der 60-jährige Objektkünstler.
An der leer stehenden Schule von Ortwig waren sie bereits mehrfach vorbei gefahren. Im Sommer 2007 hielten sie schließlich an, schauten sich das Gebäude von innen an und waren begeistert. "Es stimmte einfach alles mit der Raumaufteilung. Hier musst du keine Wand einreißen oder versetzen, um großzügige, helle Ateliers einzurichten. Und es ist noch Platz für Ausstellungen, Werkstatt und Materiallager", berichtet Karrasch und führt in einen der sechs früheren Klassenräume, in dem sie und ihr Mann aktuelle Arbeiten präsentieren.
Das schlüssige Konzept von Karrasch und Mallwitz habe überzeugt, sagt Michael Böttcher, Bürgermeister der Gemeinde Letschin, zu der Ortwig gehört. Interessenten für die alte Schule habe es zuvor schon einige gegeben. "Jemand wollte eine Pension für Angler draus machen, ein anderer Wohnungen - aber es haperte mit der Finanzierung", sagt der Kommunalpolitiker, der stolz darauf ist, dass das Haus trotz jahrelangen Leerstands nun wieder genutzt wird. Man dürfe allerdings keine überzogenen Preisvorstellungen haben, meint Böttcher, der ebenso wie die neuen Eigentümer über die Kaufsumme schweigt.
Inzwischen haben Karrasch und Mallwitz jede Menge Geld und Arbeitsstunden investiert, um das Gebäude nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Aus der Jungentoilette wurde eine gemütliche Wohnküche, die Wände sind teilweise mit Holz verschalt, weil die alten Kacheln einfach nicht abzubekommen waren. Die beiden Waschräume wurden zu Bädern, in denen nur noch die gelblichen Bodenfliesen daran erinnern, dass das Gebäude zu DDR-Zeiten erbaut wurde. Das Büro des Schulleiters, das Pionierzimmer und das Sekretariat sind jetzt Wohnräume und Büro des Künstlerpaars.
Dieser private Komplex in der alten Schule ist warm und gemütlich, die davon abgetrennten Schulzimmer und Lehrkabinette hingegen wirken eher kalt. "Wir mussten die Heizkosten irgendwie reduzieren", erklärt die 44-jährige Hausherrin. Zu tun ist in der einstigen Schule auch nach vier Jahren immer noch genug. Waren doch die Fußböden sämtlicher Klassenräume mit braunem PVC-Belag ausgestattet. "Der stinkt und muss weg, ist aber sehr hartnäckig", erzählt die gebürtige Bad Kreuznacherin und greift gleich wieder zum Spachtel.
Was die Umgebung ihres neuen Zuhauses betraf, so waren die beiden Berliner weitgehend anspruchslos. "Keine Nazis, keine Mülldeponie und keine Massentierhaltung", lautete ihre Prämisse. Inzwischen lieben Mallwitz und seine Frau die flache Landschaft des Oderbruchs, die sie beim Arbeiten in ihren Ateliers stets im Blick haben. "Es ist ruhig gelegen, aber nicht einsam. Die benachbarte Turnhalle, die einst zur Schule gehörte, wird von Vereinen rege genutzt", sagt Karrasch.
Auch von den Einheimischen seien sie freundlich aufgenommen worden, sagt die Künstlerin. Schließlich hätten sie von Beginn an ein "offenes Haus" geführt, zudem Handwerker aus dem Ort beschäftigt. "Viele Anwohner kamen neugierig vorbei, weil sie hier selbst mal zur Schule gingen oder gearbeitet haben", erzählt der Ur-Berliner Mallwitz. Mit einigen Nachbarn sind die Zuzügler inzwischen befreundet.
dapd
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